Therapietheoretische Grundlagen

Für die Position anthroposophischer, erfahrungsheilkundlich ausgerichteter Psychotherapie sei ein Kerntext zitiert, der einerseits ihre ganzheitliche Sicht, zum anderen auch ihre Anschlussfähigkeit an moderne, interaktive Therapiekonzepte und gesundheitspsychologische Forschung sowie an Erkenntnisse der klinischen Psychologie dokumentiert:

„Heilung ist mehr als Schmerzfreiheit und mehr als Arbeitsfähigkeit. Heilung ist mehr als den vorherigen, alten Zustand wieder herzustellen. Heilung soll einen Schritt markieren zu einem neuen Anfang. Dieser Neuanfang geht vom Leben aus - die Krankheit oder die Krise haben die Möglichkeit dazu geschaffen. Deshalb muss Heilung also auch vom Leben ausgehen. Dazu gehört die Akzeptierung des Lebens und alles dessen, was das Leben bringt oder gebracht hat, und zwar die innere Auseinandersetzung mit Gefühlen und Gedanken ebenso wie die Äußere mit Taten und Leiden.

Zur heilsamen Auseinandersetzung gehört der ganze Mensch: mit seinem Erkennen und Fühlen, mit seinen Absichten und Bedürfnissen, mit seinem Können und Nicht-Können, mit seinem Tun und Lassen, mit seinen Wünschen und Zielen, mit Leib und Geist. Die Seele bildet die Brücke zwischen Leib und Geist. Kränkung und Heilung kommen und gehen über diese Brücke.

Heilung führt, indem sie den ganzen Menschen in seinem leiblichen und seelischen Leben ergreift, schließlich zum Bewusstsein, zur Bewusstwerdung. Ohne diese gibt es für den modernen Menschen heute keine Heilung. Aber Bewusstwerdung allein genügt noch nicht. Es gehört der tätige, in Freiheit handelnde Mensch dazu.

Den Menschen vom Leben zur Bewusstwerdung und zur freien Handlung hinzuführen, ist Heilung aus dem Bewusstsein des Menschentums, ist anthroposophische Therapie.“ (Dr. Markus Treichler, Sprechstunde Psychotherapie, Stuttgart 1993).

Dieser Text bietet vielfältige Bezugsmöglichkeiten. Zum einen wird man an Balints Konzepte des „Neubeginns“ erinnert, dann an Lindemanns Krisentheorie, in deren Folge Krankheiten als Krisen und Gesundung als konstruktives Durchlaufen von Krisen gesehen wird. Emotionstheoretische und kognitivistische Perspektiven werden angesprochen und unter einer handlungstheoretischen Optik mit praktischer Auseinandersetzung und tätiger Performanz im Leben verbunden. Handeln im behavioralen Sinne als lebensbewältigendes Tun aufgrund von Verhaltensveränderungen ist hier angesprochen. Die „Seele“, d.h. Emotionales, Motivationales und Volitives als „Brücke“ zwischen der Konkretheit leiblichen Handelns und kognitiver Reflexion und Planung wird als eine Kerndimension gesehen, aus der der hohe Stellenwert psychotherapeutischer Behandlung abzuleiten ist. Dass in diesem gesamten Geschehen Bewusstseinsprozesse unverzichtbar sind, liegt auf der Hand. Einsicht ist allerdings nur der „erste Weg zur Besserung“ (Freud). Bewusstwerdung ist wesentlich, muss aber motivational und volitiv umgesetzt werden. Gerade die neuere Forschung zu Motivation- und Willensprozessen (Heckhausen) zeigt, dass dem Aufbau von Motivation und der Übung und Förderung von Willensentschlüssen, insbesondere aber des volitiven Durchhaltevermögens, große Bedeutung zukommt. Das Leben in der therapeutischen Gemeinschaft, in den von den sozialtherapeutischen Maßnahmen gesetzten Strukturen werden in unserem Therapiekonzept als hervorragende Möglichkeiten der Stärkung von Motivation und der Bekräftigung von Willensentschlüssen sowie des Einübens volitiven Durchhaltevermögens eingesetzt. Die freie Entscheidung ermöglicht es, den „locus of control“ wieder der eigenen Persönlichkeit zuzuordnen, positive Selbstattributionen zu entwickeln und die eigene Selbstwirksamkeit (Flammer) zu erfahren.

Die anthroposophische Konzeption, die hier in sozialkognitivistischen und klinisch-psychologischen Kategorien erläutert wurde, geht aber - und das ist in ihrer philosophischen Orientierung begründet - über einen volitionstheoretischen Freiheitsbegriff hinaus, indem sie Freiheit als „Qualität des Menschseins“ anthropologisch bestimmt. Wenn der Mensch seine Möglichkeit des Handelns in Freiheit als Grundbedingung seines Menschseins erfährt, ja als Basis des Menschentums, also als eine kollektive Qualität der conditio humana, wird diese Erkenntnis für den persönlichen Lebenssinn zentral. Sie kann für die Motivation, in der Therapie an der Verwirklichung persönlicher Freiheit zu arbeiten, d.h. aber auch, sich aus der Versklavung an die Droge zu befreien, wesentliche Bedeutung gewinnen. Wir sprechen hier von einer „existentiellen Motivation.“

Eine komplexe Sicht der Drogenabhängigkeit, die multiplen Vorschädigungen im biographischen Milieu und die vielfältigen Belastungen, ja oftmals Traumatisierungen während der Krankheitskarriere erfordern, wie schon betont, auch einen mehrdimensionalen Ansatz in der Therapie, in dem verschiedene Maßnahmen in Wechselwirkungen den Patienten unterstützen, differentiell unterschiedliche Probleme in der Feinstruktur angegangen werden können und auf diese Weise eine „Synergie“ der Behandlungsmöglichkeiten entsteht, die aufgrund ihrer „Abgestimmtheit“ Wirksamkeit entfalten können. Dabei geht es keineswegs um eine „Polypragmasie“, einen „wilden Eklektizismus“, sondern um eine integrierte, theoriegeleitete Konzeption. Obwohl in der modernen klinischen Psychologie und Psychotherapie ein „systematischer Eklektizismus (Garfield) und theoriegeleitete „Heuristiken“ (Grawe) eine durchaus akzeptierte Position sind, ist der in der Fachklinik „Daumer Haus“ praktizierte multimodale Ansatz als ein Integrationsmodell zu sehen, in dem die verschiedenen Maßnahmen auf einem theoretischen Grundkonzept abgestützt sind. Folgende Elemente werden verbunden:

-        medizinische Untersuchungen und Behandlung,

-        Physiotherapie und naturheilkundliche Anwendung,

-        psychologische Diagnosen und psychotherapeutische Behandlung,

-        sozialtherapeutische Diagnose und Behandlung,

-        Arbeitstherapie,

-        kunst- und kreativitätstherapeutische Behandlung,

-        pädagogische und allgemeinbildende Angebote und

-        gestaltetes Gemeinschaftsleben/therapeutische Gemeinschaft.

Sozialität kommt in allen therapeutischen Maßnahmen zum Tragen: im psychotherapeutischen und soziotherapeutischen Gespräch, in der sozialen Gruppenarbeit und natürlich im Gestalten des Gemeinschaftlebens und der therapeutischen Gemeinschaft.

All diese Maßnahmen werden auf verschiedenen Ebenen integriert:

Für ein anthropologisches Integrationsmodell im klinischen Kontext ist es sinnvoll (wenn auch nicht im anthroposophischen Sinne tatsächlich abschließend) folgende Begriffe funktional zu definieren:

  • Der Mensch wird in seiner körperlichen Grundlage gesehen. Körper wird definiert als die Gesamtheit aller biologischen und physiologischen Prozesse und der psychneuroimmunologischen Lernerfahrung.
  • Der Mensch wir weiterhin als seelisches Wesen gesehen, wobei wir für den klinischen Kontext Seele als „Gesamtheit aller emotionalen, motivationalen und volitiven Funktionen verstehen, nebst den im Sozialisationsprozess entwickelten Inhalten emotiven und volitiven Lernens“. Eine solche klinische Definition des Seelischen ist aus behandlungspragmatischer Sicht ausreichend und kann durch einen geistes-wissenschaftliche Seelenbegriff ergänzt und erweitert werden.
  • Der Mensch muss auch als geistiges Wesen betrachtet werden. Unter Geist wird verstanden die Gesamtheit aller kognitiven und kreativen Fähigkeiten des Menschen und die durch sie hervorgebrachten Inhalte. In dieser wiederum kognitionspsychologisch gefassten Definition werden also auch die Ergebnisse „geistiger Arbeit“ (Bedeutungen, Sinn, gedankliche Systeme, bzw. Gedankengebäude wie etwa Philosophien, Weltanschauungen usw.) einbezogen. Auch eine solche, im Kontext einer psychologischen Sicht des Menschen (mit Bezug auf Konnektionismus und sozialen Konstruktivismus) gegebene Definition kann durch eine geisteswissenschaftliche Sicht ergänzt werden.
  • Der Mensch ist natürlich auch ein soziales Wesen. Sozialität wird durch die Gesamtheit interaktiver und kommunikativer Prozesse nebst den in ihnen und durch sie hervorgebrachten Inhalten verstanden.

Die auf diese Weise funktional definierten Größen Körper, Seele, Geist, Sozialität werden als interagierende Dimension des „personalen Systems“ Mensch gesehen. Für die körperliche Dimension sind medizinische, physiotherapeutische und sporttherapeutische Maßnahmen erforderlich. Für die seelische Dimension Gespräch, Psychotherapie, Kunst- und kreativitätstherapeutische Maßnahmen. Für die geistige Dimension Gespräch, Reflexionen über Sinn und Werte, künstlerische Aktivitäten zur Förderung kreativer Vermögen und allgemeinbildende, pädagogische Angebote. Im Menschen als „Ganzen“ wirken die genannten Dimensionen synergetisch zusammen und auch von den Angeboten therapeutischer Maßnahmen kann angenommen werden, dass „das Ganze mehr und etwas anderes ist, als die Summe der Teile“, eine Vorstellung, die Goethe als Referenztheoretiker der Anthroposophie genauso herausgestellt hat wie die Vertreter der modernen, ganzheitlich orientierten Gestalt- und Feldtheorie (Wertheimer, Koehler, Lewin).

Die jeweiligen Therapiemethoden setzen auf unterschiedlichen Ebenen an, wirken aber nie einseitig mechanisch. Wird der Mensch als personales System gesehen, so müssten Einwirkungen auch immer Auswirkungen auf das Ganze haben. Die systemische Betrachtung besagt dann auch, dass jede Maßnahme auch Wirkungen auf die Interaktion des Systems mit umliegenden Systemen hat, dass der Mensch also auch in seinem sozialen Verhalten, in seinen Kommunikationen beeinflusst und verändert werden kann. Für den intrasystemischen Bereich kann man sagen, dass die Selbstheilungskräfte des Menschen unterstützt und angeregt werden. Für den intersystemischen Bereich gehen wir davon aus, dass die kommunikativen und interaktiven Kompetenzen des Menschen gefördert und entwickelt werden. Die systemische Betrachtungsweise bietet eine gute Anschlussfähigkeit an den von Goethe und in seiner Folge von Steiner vertretenen Gedanken der „Gestalthaftigkeit“ und „Ganzheitlichkeit“. Die mit dem systemischen Rahmen verbundenen Konzepte der Selbstregulation und Selbstorganisation bieten Anschluss an den goetheanischen und athroposophischen Gedanken des „strebenden Bemühens“, der inneren Ausrichtung des Menschen auf die Entfaltung seiner Möglichkeiten und Kräfte, die wir durch therapeutische Maßnahmen unterstützen wollen. Eine solche Konzeption ist sehr gut vereinbar mit kompetenztheoretischen Überlegungen. In der Therapie geht es darum, dass der Mensch seine „Selbstwirksamkeit“ erfährt, sein Kompetenzerleben gefördert wird (Bandura, Flammer) und er durch „mastery-experiences“ (Harter) sieht, dass er in der Lage ist, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und die Gestaltungsprozesse seines Lebensvollzugs aktiv in die Hand zu nehmen. Gerade in der Arbeit mit Drogenabhängigen kommt diesem „“ große Bedeutung zu. Die Konzepte moderne Psychologie und klinischen Psychotherapie haben in einer sehr klaren und operationalisierbaren Form unter Verwendung verschiedener Sprachspiele (Wittgenstein) - dem „systemischen“ oder „kognitiv-behavioralen“ - Positionen herausgearbeitet, die in der anthroposophischen Heilkunde in ähnlicher Weise unter anderen Begrifflichkeiten immer schon Bedeutung hatten. Die neuerliche Betonung von „protektiven Faktoren“ und „Salutogenese“ (Antonovskyi) vertritt auf der Grundlage von Forschungsergebnissen aus den Gesundheitswissenschaften gleichfalls Positionen, die in der anthroposophischen Pädagogik, Heilpädagogik und Therapie immer schon Bedeutung hatten, nämlich die Förderung und Unterstützung von Selbstheilungskräften, Selbstverwirklichungsmöglichkeiten und Kreativität sowie eines „übergeordneten Sinnerlebens“, das mit Antonovskys „sense of coherence“ sehr viel Nähe aufweist.

Die in der Fachklinik „Daumer Haus“ von den Mitarbeitern beständig zu leistenden Reflexionsarbeit mit dem Ziel Sinn und Bedeutung der unterschiedlichen Terminologien (der anthroposophisch-geisteswissenschaftlichen, der kognitivistischen, der systemischen und der klinisch-psychologischen etc.) zu durchdringen und eine fruchtbare Korrespondenz zu ermöglichen, wird gestützt durch Supervision und Weiterbildung. Es werden Konvergenzen, funktionale Äquivalente, aber auch Divergenzen überdacht, sodass beide Möglichkeiten, die des traditionellen erfahrungsheilkundlichen Ansatzes der Anthroposophie wie auch die des modernen klinisch-psychologischen und sozialwissenschaftlichen Weges, optimal miteinander verbunden werden können. Auf diese Weise wird gewährleistet, dass das Spezifische und Eigenständige eines anthroposophischen Ansatzes mit modernen Therapieanätzen und den spezifischen Möglichkeiten in einer Fachklinik für Drogenkrankheiten in optimaler Weise verbunden wird.

Aus der Kombination anthroposophischer, erfahrungsgeleiteter Seelenheilkunde und empiriegestützter und an der klinischen Psychologie und der Tiefenpsychologie orientierten Psychotherapie ergibt sich das Bemühen um gemeinsame Basisannahmen und Leitlinien. Die anthroposophische Heilkunde sieht Krankheit als Verlust des eigenen inneren Gleichgewichts, als ein Überhandnehmen einer Einseitigkeit in Leib oder Seele und damit verbunden als Beschädigung der individuellen Ganzheit an. Diese „imbalance“ gilt es auszugleichen bzw. es geht darum, die Fähigkeit des Ausgleichens wieder herzustellen. In gleicher Weise nimmt die moderne klinischen Theorie - etwa in der Salutogenesekonzeption von Antonovsky - an, dass Krankheit entsteht, wenn der „sense of coherence“ im Menschen gestört wird, was nicht nur als eine Störung seiner physiologischen oder psychophysiologischen Regulationssysteme zu sehen ist, sondern auch als eine Beeinträchtigung seiner Selbststeuerung als Person und darin sind auch geistige Qualitäten einbezogen. „Sense of coherence“ muss auch „personal meaning“ umfassen. So wird es in unserem Ansatz als Grundkonzept angesehen, den ganzen Menschen und damit auch das „Geistige“ anzusprechen, damit es die Selbstheilungskräfte anregt und der „sense of coherence“ wieder hergestellt wird und wirksam werden kann.