In einem therapeutischen Rahmenkonzept und in individualisierten Behandlungsplänen für Patienten innerhalb eines solchen Rahmens, spielen Ziele eine wichtige Rolle, denn sie bestimmen das Handeln. Als Globalziel unserer Institution kann ausgesagt werden, dass die zu uns kommenden Menschen mit Hilfe der von uns angebotenen Maßnahmen, einen neuen, lebensbejahenden Zugang zur Welt entwickeln sollen. Dieses Globalziel impliziert weitere übergeordnete Richtziele, wie die Entwicklung der Fähigkeit, ein selbständiges, drogenfreies und eigenverantwortliches Leben führen zu können, einen persönlichen Lebenssinn zu finden und eine angemessene Form der Selbstverwirklichung zu realisieren. Drogenfreiheit wird als Voraussetzung zum Erreichen solcher und auch weiterer Richtziele gesehen, nämlich: die Verbesserung bzw. Wiederherstellung des Leistungsvermögens im Erwerbsleben, der Herstellung und Pflege bedeutsamer, persönlicher Beziehungen im Rahmen eines tragfähigen sozialen Netzwerkes. Drogenfreiheit als Richtziel ist deshalb immer eingebunden in ein Netz weiterer Richtziele, deren Erreichen bzw. Verwirklichung sich wechselseitig bedingt. Genauso wie keine monokausale Ursache für die Drogenabhängigkeit angenommen werden kann, ist auch keine eindimensionale Zielstruktur anzunehmen und anzustreben. Vielmehr wird je nach Art und Dauer der Erkrankung, Begleit- bzw. Sekundärsymptomtik eine Vielzahl von Richt-, Grob-, und Feinzielen zu erarbeiten und zu verfolgen sein. Die Wahl spezifischer behandlungsmethodischer Zugänge und die Kombination behandlungspraktischer Wege zur Umsetzung, aber auch zur ggf. erforderlichen Modifikation von Zielen, bedürfen einer beständigen „prozessualen Diagnostik“.

 Neben den sehr allgemein formulierten Globalzielen und Richtzielen für die Gesamteinrichtung, ist die differentielle Erarbeitung eines „therapeutischen Curriculums“ bzw. einer individualisierten Behandlungsplanung für jeden Patienten erforderlich. Dieses basiert auf der Initialdiagnose der fortlaufenden Evaluation der Entwicklung des Patienten, in der Konferenz des Behandlungsteams und natürlich geschieht dies alles im Diskurs mit dem Patienten, um auf diese Weise seine Motivation, Mitwirkungs- und Veränderungsbereitschaft zu fördern. Unter krankheitstheoretischer und persönlichkeitstheoretischer Perspektive können dann Zielsetzungen sein: Förderung des Selbsterlebens, der Ichstärke und der Identitätsprägnanz; Verminderung von Antriebsschwäche; Depressivität; Stimmungslabilität; Bearbeitung von Nachwirkungen traumatischer Erfahrungen, etwa intrusiver Gedanken und Angstzustände; Beseitigung von Überspannungs- bzw. Verspannungsformen; Wiederherstellung der „relaxation response“; Schulung der Ambiguitätstoleranz und Frustrationstoleranz verbunden mit einer Übung der Ausdauer und des Durchhaltevermögens in Arbeitsprozessen. Aus den in der ICD-10 oder DSM-IV Diagnostik festgestellten störungsspezifischen Merkmalen ergeben sich wiederum Behandlungsziele. Wird etwa bei einem Drogenabhängigen bei dem außerdem eine Borderline Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde, eine starke Neigung zum Ausleben von Extremen festgestellt wurde, massive Stimmungsschwankungen und Diskontinuitäten in der Beziehungsgestaltung bestehen, so werden genau diese Verhaltensprobleme in besonderer Weise durch die therapeutische Arbeit angegangen. In einem permanenten Reflektieren von Therapiezielen im Team, aber auch in der Interaktion mit dem Patienten/Klienten, wird auf diese Weise ein dynamisches therapeutisches Prozedere erreicht, das sich einerseits an „Kernkonflikten“ und „Grundproblemen“ des Patienten orientiert, andererseits aber auch an aktualen Verhaltensproblemen, seien sie nun Ausdruck dieser Basisschwierigkeiten oder Ausdruck aktueller Kontextbedingungen.

In Ausrichtung an einer solchen polyvalenten Zielstruktur, werden für die übergreifenden Zielsetzungen auch übergreifende therapeutische Strategien entwickelt, zugleich aber auch immer wieder mittelfristige und kurzfristige Strategien, ja sogar „ad hoc“ Interventionen, die allerdings mit der übergeordneten Langzeitstrategie kompatibel sein müssen. Mit einer differentiellen Zielkonzeption glauben wir dem, was der Patient wirklich braucht, in spezifischer Weise gerecht zu werden, aber auch dem zu entsprechen, was für die Gruppendynamik der therapeutischen Gemeinschaft wesentlich ist - denn sie ist ja die „Matrix des sozialen Lernens“. Die Vermittlung von personbezogenen und gruppenbezogenen Zielen stellt sich jedem Behandlungsmodell, das mit Konzepten der „therapeutischen Gemeinschaft“ arbeitet, als wesentliche Aufgabe. Diese Vermittlung wiederum ist Abbild der Prozesse der sozialen Interaktion und des sozialen Ausgleichs, die sich jedem Menschen, der sich seinem Alltagsleben in sozialen Netzwerken bewegen muss, tagtäglich stellen. Die Kombination psychodynamischer und soziodynamischer Zielsetzungen und Zielumsetzungen wird damit eine zentrale Größe unserer institutionellen Behandlungspraxis.