
Die künstlerischen Therapien gehören zu den ältesten Formen des Heilens. Die Tempelkrankenhäuser der Antike, z.B. in Pergamon, Epidauros, Kos, verfügten über ein Theatron für dramatische Therapie. Ein Odeon, in dem Musik mit therapeutischer Absicht eingesetzt wurde, ein Stadion für sportive Aktivitäten, Bewegungstherapie könnte man sagen. Seit den Anfängen moderner Psychiatrie und Psychotherapie (J.Ch. Reil, 1803) wurden künstlerische Ausdrucksformen in heilender Absicht verwandt. In einer fast zweihunderjährigen Praxis wurden die modernen Formen künstlerischer Therapien - Therapie mit bildnerischen Mitteln, Musiktherapie, Tanztherapie, Dramatherapie, Poesie- und Bibliotherapie (vgl. Petzold, Orth 1990) - entwickelt. Sie stehen zum Teil auf dem Boden humanistischer Psychologie, zum Teil auf dem Boden der Psychoanalyse bzw. Tiefenpsychologie oder haben zu eigenständigen therapeutischen Begründungsansätzen geführt. Die künstlerischen Therapieformen sind heute aus dem Behandlungsinstrumentarium der Psychiatrie, Heil- und Sonderpädagogik und Psychotherapie nicht mehr wegzudenken.
Die Anthroposophie hat eigenständige kunsttherapeutische Formen hervorgebracht, die z.B. in eigenen staatlich anerkannten Fachhochschulen (Ottersberg) oder Hochschulen (Witten-Herdecke) gelehrt werden. Sie stellen im Kontext unserer Fachklinik „Daumer Haus“ ein eigenständiges Element der Behandlung dar, das wiederum mit den verschiedenen Formen „klinischer Kunsttherapie“ im Kontakt ist und zu den verschiedenen Richtungen auch gute Anschlussfähigkeit hat.
Prinzipiell ist zu sagen, dass künstlerische Therapieformen alle Sinnesvermögen des Menschen anzusprechen vermögen. Sie aktivieren die Perzeption, stimulieren sensorische Wahrnehmung und wirken somit kreativierend auf die Gesamtpersönlichkeit. Es werden aber auch alle - mit den Sinnesvermögen verbundenen - Ausdrucksvermögen angeregt. Der „perzeptive Leib“, der „expressive Leib“ und der „memorative Leib“ (Petzold, Orth) in Wahrnehmung und Handlung aktivieren die Erinnerung.
Wichtig ist in unserem Ansatz, dass nicht nur ein Sinnes- und Ausdrucksvermögen einbezogen wird (z.B. das Gehör und die vokale und instrumentale Klanggestaltung), sondern, dass - wie in der antiken Medizin - alle Sinnes- und Ausdrucksvermögen einbezogen werden. Schaut man auf die Abgestumpftheit vieler Patienten, die alleine durch den „chemischen Traum“, durch zentral stimulierenden Drogen ihre Erlebnisfähigkeit anregen können, so besteht für Behandlungsansätze, die sensorische, perzeptuelle, imaginative Stimulierung auf natürlichen Wege bereitstellen können, durchaus eine Indikation.
Die verschiedenen kunsttherapeutischen Möglichkeiten werden im Rahmen unserer Arbeit in dreifacher Hinsicht eingesetzt: Einerseits mit diagnostischer Absicht, denn in der Gestaltung können sich unbewusste Konflikte, verdrängte Probleme zeigen. Traumatische Erfahrungen, für deren entsetzliche Qualität „keine Worte“ gefunden werden, können in Formen und Farben Gestalt gewinnen, sodass eigentlich Unfassliches fassbar wird. Andererseits kann die Öde und Leere, die als Folge von Defiziterfahrungen in Menschen als Atmosphären der Niedergeschlagenheit wirksam wird, durch die erlebnisstimulierende Kraft der künstlerischen Therapieformen mit alternativen Erfahrungen gefüllt werden. Weiterhin wird insbesondere durch den spezifisch anthroposophischen Ansatz harmonisierend und heilend auf die Gesamtkonstitution eingewirkt.
Im Folgenden sollen die Formen künstlerischer Therapie, wie sie in unserer Einrichtung auf der Grundlage anthroposophischer Kunsttherapie und ergänzt durch Elemente „klinischer Kunsttherapie“ (Orth) zum Einsatz kommen dargestellt werden.
Natürlich können wir an dieser Stelle nicht ausführlich auf die einzelnen Therapieformen in der künstlerischen Therapie eingehen. Wir werden die bei uns zur Anwendung kommenden jedoch kurz im Abriss darstellen.
- Therapeutisches Plastizieren (als Einzel- und Gruppenarbeit)
In der Plastik liegt die Möglichkeit, mit dem Willen, die eigene Vorstellung bis in den Stoff zum Ausdruck zu bringen, aber auch, sich an den Raumesgesetzen zu orientieren und sie zu korrigieren. Dabei darf die Verfestigung in der Form jedoch nicht zur Starrheit führen. Daher spielen Formverwandlungen (Metamorphosen) in der Therapie eine große Rolle. Von der inneren organischen Logik solcher Formentwicklungen kann eine tiefe Beruhigung ausgehen, die für die Persönlichkeit festigend und heilend wirken kann.
Der Mensch greift in das Material Ton hinein und prägt dem Stoff die Form ein, gestaltet Lebensthemen, Gefühle, Wünsche. Wenn er dies eine Zeitlang praktiziert, verarbeitet er Probleme. Er wird standfester und bewegt sich auch sicherer, weil er sich besser in die Kräfte des Raumes hineinfindet. Das liegt daran, dass neben den anderen Sinnen insbesondere der Tastsinn und der Gleichgewichtssinn zum Tragen kommen, mit denen sich der Mensch im Raum orientiert. Tonplastiken können durch Texte erläutert oder durch Bewegungsübungen dynamisiert werden (Petzold, Kirchmann, 1990)
- Maltherapie (als Einzel- und Gruppenarbeit)
Das therapeutische Malen hat ein weites Anwendungsgebiet bei allen Störungen in der Umweltbeziehung eines Menschen. Das Umgehen mit Farben stimuliert die Wahrnehmung und das Empfindungsleben des Menschen. Durch die Weckung des Interesses für lebendige Wesen und Dinge lenkt es den Menschen zu seiner gegenwärtigen Umwelt.
Motive für Übungen sind Farbaufhellungen, Farbverdichtungen, Farbbegegnungen, Metamorphosen, der Farbkreis und Naturstudien, um nur einige zu nennen. Oft wird als Aquarell nass in nass gemalt, aber auch die Schichttechnik und Kohlezeichnen oder andere Techniken werden angewandt. Die Gestaltungsprozesse haben eine integrierende Kraft und können in verbaler Aufarbeitung vertieft werden (Schottenloher 1995).
- Musiktherapie (als Einzel- und Gruppenarbeit)
Bei wohl keiner anderen Kunst fällt die Beziehung zum rhythmischen System des menschlichen Organismus - und damit zum Bereich des Fühlens - so unmittelbar ins Auge wie bei der Musik. Die Musik hat einen großen Einfluss auf das Empfindungsleben des Menschen. So wie es sonst nur Wärme vermag, so durchstrahlt und durchdringt die Musik das Wesen des Menschen bis in die Bewegungssphäre. Rezeptive und aktive Musiktherapie werden indikationsspezifisch eingesetzt (Frohne-Hagemann 1992; Strobel, Hupmann, 1978).
- Therapeutische Sprachgestaltung (als Einzel- und Gruppenarbeit)
Sprachgestaltung wendet sich stark an das Ich des Menschen. Wie die Farben sind auch Vokale und Konsonanten eigenständige Qualitäten, die vom Sprechenden im Luftraum gestaltet werden und daher ihre Wirkung auch in verschiedenen Regionen des Körpers entfalten. Es geht zunächst darum, Atem und Stimme im ganzen Körper zu lösen, um für die Sprache ein bewegliches Instrument zu entwickeln. Mit Sprüchen, Versen, Gedichten kann durch die Arbeit am Sprachfluss und Sprachrhythmus wiederum auf Bewegungen und Rhythmus im Organismus eingewirkt werden. Der Mensch wird assertiver, sein Selbstvertrauen wird gestärkt. Seine kommunikative Fähigkeit und sein Selbstausdruck werden entwickelt.
- Eurythmie (als Einzel- und Gruppenarbeit)
Ohne Rhythmus kein Leben! Die Voranstellung der griechischen Vorsilbe „Eu“ weist auf einen "wohlgeordneten, harmonischen Rhythmus" hin. Die Eurythmie ist eine genuine Entwicklung der Anthroposophie mit einer Spezialisierung als „Heileurythmie“. Sie strebt weder bloße körperliche Ertüchtigung an, wie dies durch Sport, Turnen und Gymnastik geschieht, noch will sie nur Ausdruck mehr oder weniger subjektiver Gefühle im Sinne des Tanzes sein. Der Eurythmie liegen vielmehr die in physiologischen Prozessen und in den organischen Gegebenheiten veranlagten und wirkenden Bewegungsmöglichkeiten zugrunde, welche zugleich in der Tonverbalität und Lautbildung des Menschen in Erscheinung treten. Rudolf Steiner, der Begründer der Eurythmie, hat sie als "sichtbare Sprache" bezeichnet. Sie bringt die in Laut, Wort, Rhythmus und Musik wirkenden Qualitäten und schöpferischen Gestaltungskräfte nach künstlerischen Gesetzen zum Ausdruck. Dadurch wird der ganze Leib des Menschen selbst in seinen unerschöpflichen Bewegungsmöglichkeiten zum „beseelten Instrument“. Geist, Seele und Körper werden gleichermaßen und gleichzeitig gefordert.
Jede echte Kunst, die im Sinne Goethes "höhere Gesetze" offenbart, befriedigt nicht nur künstlerisch-ästhetische Bedürfnisse, ihr wohnt ein heilender Charakter inne. Dies gilt in besonderem Maße für die Eurythmie. Ihre therapeutisch-hygienischen Möglichkeiten für den regelmäßig Übenden (und seien es nur wenige Minuten) sind enorm. Im Zeitalter des Stresses, der Unruhe und täglichen Erschöpfung ist die Eurythmie daher für jeden Menschen, der Wege aktiver Selbsterziehung sucht, ein wertvolles Mittel zur Stärkung und Pflege seiner Lebenskräfte.
- Schauspielarbeit - Dramatherapie (als Einzel- und Gruppenarbeit)
Soweit die Indikation es zulässt, nimmt jeder Patient im Laufe seiner Behandlung an einem Theaterprojekt teil. Schauspielarbeit als therapeutisches Element hat in der anthroposophischen Bewegung eine lange Tradition. Der Patient nimmt im Spiel hierbei eine aktive Bühnenrolle ein. Stücke werden später auch öffentlich aufgeführt. Die therapeutische Wirkung dieser Schauspielarbeit ist sehr umfassend und in jedem Einzelfall sicherlich anders. Trotzdem lassen sich einige charakteristische Wirkungsweisen der Schauspielarbeit festhalten.
Darstellende Mittel heilend angewendet, richten sich gegen Isolierungstendenzen, wenn sich Menschen mehr und mehr in sich selber kehren, sich absondern, vereinsamen, sich abkapseln und nicht mehr ohne Anstrengungen in einen offenen, lebendigen Bezug zur Welt und zu den Menschen treten können (diese Tendenz kann man bei vielen verletzten und traumatisierten Menschen beobachten und ist bei Drogenabhängigen besonders stark ausgeprägt).
Mittels dramatischer Gesetzmäßigkeiten und Mittel kann dann versucht werden, den Rückzugstendenzen entgegenzuwirken die Sinne und das Ausdrucksverhalten zu stimulieren, den Patienten in der Interaktion zu konfrontieren, ihn „aus der Haut“ und „in die Haut eines anderen“ schlüpfen zu lassen, Rollenflexibilität zu trainieren. Der Mensch kommt in die Situation, (auf der Bühne) wirklich sichtbar zu werden. Er begegnet seinen Ängsten aber auch seiner Freude. Er spürt wieder, dass er lebt. Er erlebt, dass er durch intensives Üben und Arbeiten an seiner Rolle seine ursprünglichen Grenzen ausweiten kann, dass Wachstum möglich ist. Durch das Erleben, dass auch die anderen die gleichen Schwierigkeiten haben, aber man sich gegenseitig stützen kann und die Hindernisse überwindet, entsteht ein besonderes Gemeinschaftsgefühl, das dazu führt, dass der Einzelne sich mit seinen Schwächen annehmen und bejahen kann.
Ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Arbeit ist die soziale Gemeinschaft die alle Teilnehmer zusammen bilden; ein Theaterstück wird nur lebendig aus dem Zusammenwirken aller Beteiligten. Es ist ein Dienen des Einzelnen für das Ganze und umgekehrt. So wird soziales Verhalten eingeübt.
Auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit den aufgeführten Stücken (z.B. Berthold Brecht, Thornton Wilder, Shakespeare etc.), bringt den Menschen in eine intensive Beziehung zu Geschichte, Literatur, Kultur und großen Menschheitsfragen.
Jede dieser zur Therapie hin modifizierten Künste hat einen unterschiedlichen Anwendungsbereich, verschiedene Stimulierungsqualitäten, Gestaltungs- und Ausdrucksmöglichkeiten.
Durch ihre künstlerische Eigenart und Verschiedenheit (man denke z.B. an die Verschiedenheit von Plastizieren und Musizieren) und der verschiedenen künstlerischen Techniken (z.B. Plastizieren und Töpfern, Aquarellmalen oder Schwarz-Weiß-Zeichnen, Leier- oder Schlagzeugspielen) ergeben sich differenzierte Wirksamkeiten.
Aufgrund der klinischen Erfahrungen gibt es auch für die künstlerischen Therapien Indikationen und Gegenindikationen, die beachtet werden müssen. Die verschiedenen künstlerischen Betätigungen haben gestaltende, aktivierende und lösende, entspannende Qualitäten. Entsprechend dieser Unterschiede, die körperlichen oder seelischen Einseitigkeiten entsprechen (wie z.B. Formen und Auflösen, Ablagern und Bewegen, Anspannen und Loslassen), können durch die Eigenaktivität des Patienten gezielt Symptome angegangen, Probleme bearbeitet und Unausgeglichenheiten ausgeglichen und überwunden werden.
Beim künstlerisch-therapeutischen Tun kommt es neben dem Ausdruck von Gefühlen des Menschen, neben dem Gestalten von Konflikten und Bearbeiten von Problemen auch auf das Erüben bestimmter künstlerisch-therapeutischer Prozesse an. Sie gleichen konstitutionelle, leibliche und psychische Einseitigkeiten im Erleben und Verhalten des Patienten aus und geben ihm damit die Möglichkeit, durch seine Eigenaktivität diese zu überwinden.
Herauszufinden, wann und welche der Kunsttherapien bei welchen Patienten und welcher Diagnose angezeigt ist und schließlich zu einem den Heilungsprozess anregenden, fördernden oder erweiternden Erfolg führt, ist Aufgabe des therapeutischen Teams, wobei hier im Besonderen der Arzt und die Kunsttherapeuten kompetent sind.
Folgende
therapeutischen Schritte können durch die Anwendung der Kunsttherapie erreicht
werden:
- unbewusste und bewusste Probleme können in der Gestaltung und im Gespräch bearbeitet werden,
- die Eigenaktivität des Patienten wird angeregt und eine neue Sichtweise des Lebens gefördert und ermöglicht,
- konstitutionelle, leibliche und seelische Belastungen und Einseitigkeiten, die zu Erkrankungen geführt haben und sich in Krankheitssymptomen zeigen, können durch den Kunsttherapeuten im eigenen, aktiven Üben des Patienten begleitet, ausgeglichen und überwunden werden,
- eine Anregung der Ich-Stärke, Assertivität
und Mitverantwortung des
Patienten wird erreicht.